SüdAfrika/Namibia

In Kapstadt werde ich von Stuart am Flughafen abgeholt. Die Familie mit Diana und den beiden Töchtern Kegan und Carla wohnt etwas südlich der Innenstadt und bereitet mir für die kommende Tage eine heimelige Atmosphäre. Es ist eine besondere Familie, sind sie doch zusammen als Familie 10 Monate kreuz und quer mit dem Rad durch Afrika gereist. Tegan hat seitdem das Radreisefieber gepackt, sie plant die nächste große Tour. Carla möchte hingegen für 3 Jahre in Schwedenstudieren. Ich frage sie worauf sie sich am meisten freut. “Als Frau ohne Angst alleine überall hingehen zu können, z.b mal spontan in den Wald ” ist die für mich erschreckende Antwort. Im Großraum Kapstadt ist das in der Tat schwierig. “In dem angrenzenden Wald sind schon mehrere Frauen vergewaltigt und umgebracht worden” erklärt mir Stuart. Tagsüber ist Kapstadt Zentrum aber eine sichere und auch wunderschöne Stadt!

Es ist Juli 2016 und es läuft die Fußball EM. Natürlich ist es mein Ziel zumindest die deutschen Spiele und die K.O Spiele live im TV zusehen. Mein Plan ist einfach. Ich klingel an den Spieltagen an Häusern und frage ob zufällig Fußball geschaut wird und ich mich dazugesellen kann. Im sehr gastfreundlichen Südafrika geht dieser Plan immer auf. Oftmals werde ich auch gleich zum Essen und zum Übernachten eingeladen.

Die Begegnungen sind toll und interessant. Ich treffe eine Dame, die jahrelang die Oma von Ralf und Michael Schumacher gepflegt hat und einmal wird mir sogar ein Heiratsantraggemacht. Obwohl mein deutscher Pass an dieser Offerte sicherlich nicht komplett unschuldig ist ;) 

In 2 Fällen bleibe ich sogar gleich ein paar Tage. Die Familie von Matt hat eine Pferdefarm in der Nähe von Tulbagh. Er selbst baut eine alte verlassen Farm gerade neu auf, hat eine deutsche Freundin und war auch schon mal mehrere Monate mit dem Rad unterwegs. Ich helfe Matt ein wenig auf der Farm, wechsle den Sattel des Rades mit dem des Pferdes, genieße das Farmleben und gewinne hier neue Freunde. 

Die Familie von Naomi hat eine große Weinfarm in der Nähe von Vredendal. Naomi nimmt mich auf wie einen verlorenen Sohn. Ich bekomme ein eigenes Zimmer, wir machen einige Ausflüge und ich werde zum Braai eingeladen, die südafrikanische Variante des Grillens.

Eines Tages mache ich am Straßenrad ein wenig Pause und werde von Thou wow angesprochen. Er ist ein höflicher und angenehmer Zeitgenosse. Er kommt gerade aus dem Knast wie er mir berichtet. Dort hat er seinen Bruder besucht der auf die schiefe Bahn gekommen ist. Er möchte das nicht, aber sein Leben ist alles andere als einfach.

Keine Schulbildung, kein Job, kein Geld, kein Strom, kaum etwas zu essen -keine Chance. So lässt sich sein Leben zusammenfassen. Ich durchforste meine Taschen und biete ihm ein wenig zu Essen an. Seine Augen beginnen zu leuchten. Selten habe ich einen erwachsenen Mann gesehen der sich so über ein Sandwich freut wie er. Es ist für mich immer wieder etwas beschämend wenn ich daran denke in welchem Überfluß ich im Vergleich dazu leben darf weil ich beim großen Geburtsroulette die Karte "Europa" und “Deutschland” gezogen habe.

Für mich geht es immer weiter gen Norden zur Grenze nach Namibia.

 

In Windhoek treffe ich einige andere Langzeitradler. Von Olivier habe ich schon gehört. Er ist vor über 2 Jahren zusammen mit Anselm, jener Anselm

mit dem ich in Tibet und Laos gereist bin, unterwegs gewesen. Die

Welt ist klein! Augustin aus Spanien ist von der Sorte : "Adrenalin

um jeden Preis" Er ist mit gefälschen Dokumenten in Afghanistan

gereist und hat sich in hier Afrika in einige Game Parks geschlichen

die man tatsächlich nur mit dem Auto befahren sollte. Er zeigt mir

ein Video in dem er von 2 Elefanten gejagt wird und ein Bild von

einem Löwen direkt neben seinem Rad. Für solche Aktionen bin ich

persönlich dann doch zu ängstlich bzw zu lebensverliebt.

Das EM Finale schauen wir alle zusammen mit ein paar Leuten aus Angola. Die Jungs haben wir nur gefragt wo wir spät Abends noch unter der Hand Bier kaufen können, wurden daraufhin aber zur WM Party nach Hause eingeladen. Sie scheinen recht vermögend. Nach und nacherahnen wir dann auch, mit welchem Business sie das Geld verdienen –als Vermittler von Diamantengeschäften. Ob legal oder illegal sei dann mal dahingestellt. Auf jeden Fall wird der portugisische Sieg, Angola war einst portugisische Kolonie, ausgiebig gefeiert.

Daniel, ein Radler aus Deutschland der ebenfalls in Kapstadt gestartet ist hat in etwa sie selben Reisepläne. Daher beschließen wir, ein Stückzusammen zu fahren. Augustin bleibt derweil in Windhoek. Er hat sich verliebt und hängt nun erstmal auf unbestimmte Zeit fest – auch das passiert. Und Olivier radelt weiter gen Norden.

Unser Ziel ist Walvis Bay. Um dorthin zu kommen nehmen wir jedoch eine rauhe und versandete Piste die besonders schön sein soll.

Daniel fährt, wie so viele Langzeitradler, ohne Helm. Meine jahrelangen Versuche Matthias davon zu überzeugen einen Helm zu tragen waren nie von Erfolg gekrönt. Bei Daniel treffen meine Argumente pro Helm jedoch erstaunlicherweise sofort auf fruchtbaren Boden.

Er kauft sich noch in Windhoek einen schicken Kopfschmück.

Aber warum schreibe ich das ?

Gleich am ersten Tag wird der Helm eine besondere Rolle spielen. Nach ca 30km kommt uns auf eben jener Schotterpiste ein Pick Up mit viel zu hoher Geschwindigkeit entgegen. Der Fahrer verliert die Kontrolle über das Fahrzeug, schlidert nur knapp an Daniel vorbei und stoppt kurz vor einem kleinen Abgrund. Das hier niemand verletzt wird grenzt an ein Wunder. Nur wenig später passiert es dann. Daniel stürzt auf einer Abfahrt in einem versandeten Bereich schwer. Er hält sich den Arm, kann ihn vor Schmerzen kaum bewegen. Er hat eine Platzwunde am Kopf und der Helm ist auf der einen Seite gebrochen. Dieser Helm war wahrlich eine lohnende Investition, soviel steht sofort fest.

An Radfahren ist für Daniel natürlich nicht mehr zu denken. Wir haben Glück das ausgerechnet kurz danach das 2. Auto des Tages auf dieser einsamen Piste vorbeikommt, diesmal ohne einen Unfall zu bauen. Es ist ein Farmer der praktischerweise auch gleich einen Pickup fährt. Daniel kommt in die Fahrerkabine und ich mache es mir mit den Rädern auf der Ladefläche gemütlich. Unser Ziel ist wieder Windheok, diesmal aber ein örtliche Krankenhaus.

Während Daniel untersucht wird ,mache ich mir Gedanken wie es nun weiter gehen soll. Wie bekomme ich am späten Abend sein Rad hier weg und wo sollen wir nun noch eine für uns bezahlbare Unterkunft finden? Ins Zelt kann ich ihn schlecht stecken.

Ich komme mit einer netten Dame im Wartezimmer ins Gespräch. Ihr Mann ist in der Dusche gestürzt und wird ebenfalls gerade untersucht. Als sie meine Geschichte hört, lösen sich unsere Probleme dank der Gastfreundlichkeit mal wieder i nWohlgefallen auf. “Wir haben ein Zimmer in unserem Haus frei. Ihr beide könnt dort solangebleiben bis klar ist wie es mit Daniel weitergeht. Unser Sohn fährt einen Pickup, er kann Daniels Rad abholen”

So nehmen wir spät am Abend unsere beiden Patienten in Empfang. Beide mit einer Armschlinge bewaffnet und beide mit einem Schlüsselbeinbruch. Passt! Wir bleiben einige Tage bei Familie Hoff. Da Daniel einen komplizierten doppelten Bruch hat, muss er operiert werden. Nachdem Daniel sich von der OP erholt hat und wieder komlett allein klar kommt heißt es Abschiednehmen von den Hoffs und von Daniel. Er wird hier seine Verletzung auskurieren und in ein paar Wochen wieder starten.

 

Ich mache mich ein zweite Mal auf zur Unglückspiste – diesmal aber alleine. Die 380km lange Piste durch die Namib Wüste ist wunderschön, will mir aber auch beim zweiten Versuch nicht viel Glück bringen. Ich kämpfe mit Fieber und einer Magen-Darm Grippe und so werden die langen Tage eher zur Qual.

In Walvis Bay treffe ich noch auf ganz besonders nette und herzliche  Menschen.  Bridger, der ebenfalls eine Radreise macht. Und Andries, Ciska und Sohn Hannu, die Bridger während eines Sandsturmes auf der Straße eingesammelt haben. Mit ihnen mache ich einige Ausflüge, zum Beispiel zur Spitzkoppe. 

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